Die InitiatorInnen
Inge Karazman-Morawetz
Soziologin, in der human- und arbeitswissenschaftlicher Forschung tätig
Vormals Lehrbeauftragte an der Universität Wien
Für mich gibt es zwei Hauptgründe, mich für die Gemeinsame Schule jetzt einzusetzen.
Als Soziologin war ich schon immer für eine Gemeinsame Schule, weil ich anhand empirischer Daten gesehen habe, wie das das 2-Klassen-Schulsystem sozial selektiert, Ungleichheit in der Gesellschaft zementiert und geistiges Potential vergeudet. Die Bildungssysteme sind, auch dank PISA, gut erforscht und das Ergebnis für Österreich ist eindeutig: Wir haben eines der teuersten Schulsysteme (pro Kopf der Schüler) in Europa und zugleich eines mit relativ schlechtem „output“, also bei der Leistung der Schüler! Die Beibehaltung des 2-Klassen-Systems ist durch nichts mehr zu rechtfertigen. Und sie ist letztlich auch nicht durchzuhalten – ein Auslaufmodell aus dem 19.Jahrhundert. Die „Informationsgesellschaften“ brauchen mehr besser und länger Ausgebildete, die internationale Entwicklung zeigt ohnehin diesen Weg. Jedes Jahr, das verstreicht, ohne dass Österreich hier aufschließt und die Gemeinsame Schule angeht, wird unserer Gesellschaft langfristig kosten - ökonomisch, sozial, demokratiepolitisch. Die Blockade einer grundlegenden Bildungsreform ist unverantwortlich.
Der zweite Grund sind meine persönlichen Erfahrungen mit diesem Schulsystem. Mein Sohn hat das legasthenische Talent von seinem Vater geerbt (Mitinitiator Rudolf Karazman). Englische Wissenschaftler sprechen von Legasthenie als „Talent“, weil Legasthenie nicht primär eine Schwäche ist, sondern eine Stärke im holistischen, ganzheitlichen Erkennen und Erfassen. Die ganzheitlich-intuitiven Fähigkeiten der normalerweisen rechten Gehirn-Hemisphäre sind deutlich stärker, dafür die „digitalen“ Fähigkeiten der linken Hemisphäre (Zerlegung und Detailsicht) weniger entwickelt in diesen jungen Jahren. Das Problem sind daher nicht die Kinder „mit Legasthenie“, sondern ein Schulstandard, der an der „digitalen“ Mehrheit ausgerichtet ist. Die Volksschule ist eine „Left-Brain-School“ und schickt, aufgrund der Selektion durch Noten in der 4.Klasse, ebenso begabte, aber anders „gestrickte“ Kinder auf die Versager-Laufbahn – begleitet von Vorurteilen und Inkompetenz der Lehrkräfte, die wenig oder das Falsche von Legasthenie verstehen. Die Entwicklung eines Kinds mit Legasthenie im Volksschulalter ist hierzulande (im 21.Jahrhundert!) noch immer ein Kampf des Kinds und seiner Eltern gegen die Schule – so unsere Erfahrung und die vieler, vieler Mit-Eltern.
Im Kindergarten gibt es keine psychologischen Beobachtungen, die Legasthenie et al. frühzeitig erkennen ließen. In der ersten Volksschule (im Übrigen eine Privatschule) wollte man unseren Sohn nach 7 Wochen (!) in den „Vorschulstand“ zurücksetzen – was mangels Vorhandensein einer Vorschule bedeutet hätte, er sitzt in derselben Klasse wie vorher, nur die Lehrerin braucht sich nicht um ihn zu kümmern. Die Lehrerin hatte ihn abgeschrieben und für uns hieß das: „Raus aus dieser Falle“. Die Direktorin sprach mit unserem Sohn eine halbe Stunde und bat uns, nicht zu wechseln, denn sie habe noch nie so ein differenziertes Gespräch mit einem Sechs-Jährigen geführt. Das Talent der Legasthenie….
Glücklicher Schulwechsel in eine Ganztagsvolksschule. Er schuf Super-Basteleien und hielt beste Referate. Seine Aufsätze wurden manchmal als Beste vorgelesen und gleichzeitig mit der Drohung einer 4 in Deutsch in der 2.Klasse „belohnt“. Bis dahin keine Untersuchung auf Teilleistungsschwäche durch den Schulpsychologischen Dienst oder andere Experten, keine Beratung von uns Eltern – und das in den für die kindliche Entwicklung so wichtigen ersten Schuljahren! Auf Empfehlung aus dem Freundeskreis kamen wir dann auf Frau Nuhl als Trainerin, Obfrau der Wiener Landesverbands Legasthenie, der wir großen Dank schulden (www.sissi-nuhl.com), und ab da ging es mit unserem Sohn aufwärts und uns Eltern leichter. Wir Eltern haben alles allein, ohne und außerhalb der Schule gemacht: die richtigen Experten finden, gezielte Trainingsprogramme erstellen lassen, und üben, üben, üben – aber eben das Richtige. Legasthenie ist eine andere Wahrnehmung – die „normale“ Wahrnehmung des Auges, des Ohrs und des Raums muss trainiert werden. Ohne diese Grundlage zu erwerben, kann ein Kind mit Legastheniebereitschaft den Schulstoff nicht bewältigen. Da das der Schule aber egal ist, hieß es für uns, zusätzlich auch den Schulstoff zu üben, der ja ausschlaggebend für die Noten ist, und zugleich unserem Sohn durch das von diesem Schulsystem aufgedrückte Entwicklungstempo nicht die Freude am Lernen gänzlich zu vergällen. Die Lehrerinnen waren verständnislos und die Regierung hat die vormalige Legasthenie-Fördergruppe an der Schule weggekürzt. Wir Eltern mussten uns mit Beurteilungsfehlern herumschlagen, die den Übergang ins Gymnasium verstellt hätten, und die letztlich durch den Schulinspektor korrigiert wurden.
Heute besucht unser Sohn die Oberstufe eines Realgymnasiums mit einem Notenspektrum 1 bis 3. Das unpädagogische Lerntempo, der Stress, der Streit um Noten oder halbe Punkte, die Sorgen, wären nicht notwendig gewesen und sind uns aufgezwungen worden von einem widersinnigen Schulsystem, das de facto nach 3 1/2 Jahren Kinder durch Noten ausselektiert, ohne ihre Potentiale je auszuforschen und ohne das Geringste zu ihrer gezielten individuellen Förderung beizutragen.
„Learned lessons“ für mich: Das Schicksal von Kindern mit legasthener Bereitschaft ist verallgemeinerbar. Dieses Schulsystem wird zur Katastrophe für alle, die genauso intelligent, aber entwicklungsmäßig irgendwie anders sind als es der Schulstandard wünscht: die, die nicht gut deutsch können, die unkonzentriert sind, die zappeln, die eine „Diagnose“ haben oder eben auch keine usw.. Was aber, wenn die Eltern auch nicht helfen können, das Versagen der Schule zu kompensieren? Oft dachte ich mir, ein legasthenie-bereites Kind mit nichtdeutscher Muttersprache hat bei uns überhaupt keine Chance – der Weg zum Regalschlichter ist vorprogrammiert.
Zweitens: Jedes Kind ist mit gezielter Förderung entwicklungsfähig – ganz egal, was die Schulnoten in den ersten Jahren besagen. Deshalb muss die Trennung der Bildungswege mit 9 ½ raschest aufgehoben werden und ein gemeinsamer längerer Entwicklungsraum für die Kinder bei gleichzeitigem Maximum an Förderung geschaffen werden.
Zuletzt: Natürlich liegt mir das Problem rund um die Legasthenie am Herzen und ich möchte Eltern ermutigen, die bemerken, dass am Beginn der Volksschulzeit irgendwas nicht passt. Schauen Sie auf die website des Österreichischen Legasthenieverbands (http://www.legasthenieverband.com), in die Zeitschrift, hier gibt es Unterstützung und Erfahrungsberichte, holen Sie sich Beratung von TrainerInnen. Nicht dass es Legasthenie sein muss, aber es hilft eine frühzeitige Abklärung. So kann man dem Kind Leid ersparen, das ja selbst merkt, dass trotz größtem Bemühen der Erfolg ausbleibt und entmutigt wird. Bei einem geschätzten Anteil von 15% legasthenie-bereiten Menschen sitzen wahrscheinlich in jeder Schulklasse einige betroffene Kinder. Wir waren in der Klasse unseres Sohns die Eisbrecher und letztlich gingen etliche Kinder dann auch zum Training bei Frau Nuhl.
Rudolf Karazman
Geb. Niktisch/Burgenland
Wien
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeut, Arzt für Arbeitsmedizin
Forschung und Entwicklung IBG Österreich, Lehrbeauftragter WU Wien

„Ich kam mit 10 in die Hauptschule. Die Volksschullehrerin sagte meiner Mutter, ich sei zu dumm für´s Gymnasium. Nun, ich bin heute Hochschullehrer, sitze in mehreren wissenschaftlichen Beiräten und habe ein arbeitswissenschaftliches Institut gegründet, das international hohe Achtung genießt und große wissenschaftliche Innovationen hervorgebracht hat. Meine Eltern waren einfache Menschen, die Mutter Putzfrau und Vater Hilfsarbeiter. Burgenländische Kroaten in Wien, die Migranten der Fünfziger. Beide hatten nur wenige Jahre kroatische Volksschule, es war Weltkrieg auch im Dorf. Die Mutter fügte sich der Volksschullehrerin, aber gab nicht auf. Für die burgenländischen Kroaten ist es Teil der Identität, die Kinder bestmöglich ausbilden zu lassen – und dafür hart zu arbeiten: Ostbahn Kurti, Lukas Resetarits, Theresia Stoisits, Norbert Darabos, Christian Kolonovits u.va..
Ich absolvierte also die erste Klasse mit guten Noten und kam in die zweite Klasse Hauptschule am Friedrichplatz in Wien 15. Meine Mutter nahm sich ein Herz und fragte den Hauptschullehrer nach meiner Eignung fürs Gymnasium. Der wollte seinen besten Schüler nicht verlieren und verunsicherte meine Mutter, dass wenn ich es nicht schaffen würde, muss ich in den B-Zug… Es war Samstag 9Uhr vormittags. Meine Mutter stand eine halbe Stunde vor der Schule überlegend und ging dann rüber ins BRG 15 am Henriettenplatz. Sie erhielt sofort einen Termin beim Direktor, der sah das Zeugnis und sagte, ich sollel Montag als Schüler im Gymnasium beginnen.
Mit „Ich bin noi!“ stellte ich mich Stunde um Stunde vor. Bis zur vierten Klasse hagelte es oft schlechte Noten. Schon nach einem Jahr war der Unterschied zwischen Hauptschule und Gymnasium riesig. Während wir in der Hauptschule Gedichte zur Englisch-Schularbeit bekamen, wurde im Gymnasium komplexe Grammatik verlangt, von der ich nie gehört habe. Dieses Englisch-Defizit habe ich bis zur Matura nicht mehr beheben können und erst mit meiner internationalen Forschungs- und Publikationstätigkeit konnte ich ein akzeptables Englisch erreichen. Bei der Deutschschularbeit erhielt ich für drei Rechtschreibfehler eine Fünf. Mathematik war anfangs völliger Blindflug und erst in der Vierten startete meine Serie von Sehr Gut bis übers Matura-Zeugnis hinaus ins Mathematik-Studium.
Also nur ein Jahr Trennung und ein Riesenunterschied, ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte nach zwei oder drei Jahren. Von Durchlässigkeit ist keine Rede, es ist ein Kastensystem auch heute (siehe „Wisssenspeicher“). Die Mehrheit meiner Freunde war genauso talentiert wie ich, blieben aber in der Hauptschule, mehrheitliche im B-Zug. Die Volksschullehrerin bevorzugte Mittelschichtkinder und mochte uns „Arbeiter“-Kinder nicht: sie hielt Bildungsferne von der Bildung fern, auch wenn sie aus ihren Steuergeldern bezahlt wurde. Zehn Jahre später traf sie meine Mutter und erfuhr, ich studiere. Da wusste sie es immer schon… Dieses Schulsystem gibt Lehrern eine Schicksals-Macht über 10-jährige Kinder, die nicht sein darf, denn Lehrer sind Menschen und Kinder mitten in Entwicklung. Mädchen früher, Buben später.



Rudi Karazman spricht mir aus der Seele, habe ich doch ganz ähnliche Erfahrungen in meiner schulischen Entwicklung gemacht. Nur war es bei mir der Volksschul-Klassenlehrer, der meiner Familie (bodenständig und nicht-akademisch gebildet) ausdrücklich meine Einschulung ins Gymnasium empfahl. Der Kulturschock hätte für mich nicht größer sein können – ich fühlte mich wie ein Alien in Sprache, Habitus und Lebenserfahrung, schienen doch alle anderen (bessergestellten) KlassenkameradInnen bereits die Welt zu kennen. Wie viel Kraft hat mich mein Bemühen gekostet, die wahrgenommenen “Klassenunterschiede” zu verwischen! Obwohl mir eine Gymnasiallehrerin nur eine mittlere Begabung zuschrieb, ist schließlich doch noch etwas aus mir geworden
Als Hochschullehrerin spüre ich bei den Studierenden noch immer die Gräben der unterschiedlichen Sozialisation zwischen Gymnasial-MaturantInnen und denen vom zweiten Bildungsweg, die für ihre Entwicklung offenbar länger gebraucht haben, aber nicht minder erfolgreich sind! Ich plädiere daher für die Gemeinsame Schule, um Chancengleichheit zu verbessern und soziales Lernen zu fördern.